Logo - www.supervision-hamburg-gesundheitswesen.de
 Startseite STARTSEITE
 
 Supervision - Allgemeines / Grundbedingungen / Zielsetzungen / Grenzen SUPERVISION
 
 Teamberatung TEAMBERATUNG
 
 Krisenintervention KRISENINTERVENTION
 
 Fortbildungen FORTBILDUNGEN
 
 Informationen zur Organspende: www.transplantation-information.de TRANSPLANTATION
 
 Termine TERMINE
 
 Veröffentlichungen VERÖFFENTLICHUNGEN
 
 Über mich ÜBER MICH
 
 Kontakt KONTAKT
 
 Impressum IMPRESSUM
Roberto Rotondo - Dipl.-Psychologe & Krankenpfleger

Veröffentlichungen

Wenn Pflegekräfte Patienten töten...

Meinung und Bereitschaft zur »aktiven Sterbehilfe« hängt offenbar stark von der Berufszufriedenheit ab

Von Roberto Rotondo (Hamburg), Psychologe und Krankenpfleger

März 1999



Siehe auch: Kongress: Gewalt in der Pflege in Regensburg 2005
Vortrag "Wenn Pflegekräfte Patienten töten..."


Was denken Krankenschwestern und –pfleger über Sterbehilfe? Ergebnisse einer großen Umfrage wurden 1998 veröffentlicht, auch zum Thema PatientInnentötungen gibt es inzwischen aufschlußreiche Bücher. Die Publikationen erhärten den Verdacht, dass Arbeitsbedingungen und Berufszufriedenheit die Meinung von Pflegekräften zur Sterbehilfe entscheidend beeinflussen.

Fünftausend Krankenschwestern und –pfleger in Deutschland erhielten im April 1994 unaufgefordert einen Brief von der medizinischen Fakultät der Universität Witten/Herdecke. Inhalt: ein »Einstellungsfragebogen zur aktiven Sterbehilfe«. »Mit dieser Erhebung soll erreicht werden«, hieß es in dem Begleitschreiben, »dass die häufig und praktisch mit diesen Problemen befaßten Personengruppen mit ihrer Erfahrung, ihrer Einstellung und ihrem Urteil zu Wort kommen.« Denselben Fragebogen legten die Forscher auch einer Fachzeitschrift für Altenpflege bei. So erreichten sie, dass sich an der Umfrage schließlich 3004 Schwestern und Pfleger beteiligten, die in Stationen von Allgemeinkrankenhäusern, Intensivstationen, Alten- und Pflegeheimen, psychiatrischen Einrichtungen und Sozialstationen arbeiten.

Ergebnisse einer Umfrage

Der Anspruch, die TeilnehmerInnen »zu Wort kommen« zu lassen, wurde jedoch nur sehr eingeschränkt umgesetzt; tatsächlich hatten die Forscher 22 Fragen formuliert, die per Ankreuzverfahren zu beantworten waren. 1998 veröffentlichte Karl Beine, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Witten/Herdecker Universität, die Auswertung der Umfrage als Teil seiner Studie »Sehen, Hören, Schweigen – Patiententötungen und aktive Sterbehilfe«.

Demnach haben 16 % derjenigen, die den Fragebogen ausgefüllt zurückschickten, angekreuzt, sie würden »aktive Sterbehilfe praktizieren«, wenn sie hierzulande legal sei. Erheblich mehr Schwestern und Pfleger würden »aktive Sterbehilfe« erlauben: 44,3 % der Befragten sind mit einer Legalisierung einverstanden, 31,7 % sind dagegen, 24 % unentschieden. Knapp zwei Drittel halten es unter bestimmten Umständen für »gerechtfertigt, menschliches Leiden aktiv zu beenden«, 38,6 % sind in jedem Fall dagegen. 92 % der BefürworterInnen finden die Tötung des Patienten dann gerechtfertigt, wenn er einwilligungsfähig ist und selbst die »aktive Sterbehilfe fordert«, über 37 % sind auch dann dafür, wenn der Betroffene zu einer selbstbestimmten Entscheidung nicht mehr fähig sei, bald sterben werde und die Angehörigen mit aktiver Sterbehilfe einverstanden seien.

Ursachenforschung

Um den Ursachen der offenbarten Einstellungen auf die Spur zu kommen, wäre es naheliegend gewesen, zumindest einen Teil der UmfrageteilnehmerInnen anschließend ausführlicher zu interviewen. Beines Ursachenforschung beschränkt sich jedoch darauf, statistische Häufungen aufzuzeigen und diese zu interpretieren. Seine Zusammenfassung, veröffentlicht in der Zeitschrift Die Schwester/Der Pfleger, liefert gleichwohl interessante Hinweise: »Tendenziell wird die aktive Sterbehilfe eher befürwortet von jüngeren, konfessionslosen, getrennt lebenden oder geschiedenen Krankenschwestern, die eine geringe Berufserfahrung haben, mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden sind, in der Psychiatrie arbeiten und aus den neuen Bundesländern kommen. Umgekehrt wird die Sterbehilfe am ehesten abgelehnt von älteren, konfessionell gebundenen, verwitweten oder verheirateten Krankenschwestern und Krankenpflegern, die eine größere Berufserfahrung haben, mit ihrer beruflichen Situation zufrieden sind, auf Intensivstationen arbeiten und aus den alten Bundesländern kommen.«

Das »Antwortverhalten«, so Beine, werde »entscheidend beeinflußt« durch die Berufszufriedenheit. Dies lasse »vermuten, dass die eigene berufliche Unzufriedenheit dem ständigen Umgang mit leidenden, verwirrten und sterbenden Menschen teilweise oder ganz zugeschrieben wird«. Patiententötung erscheine vielen Pflegekräften offenbar als ein Ausweg: »Überwiegendes Motiv für die abgegebenen Voten dürfte sein, dass von der Legalisierung der aktiven Sterbehilfe eine Verringerung des täglichen Leidens erwartet wird.« Beine fragt rhetorisch: »Wären die Befürworter aktiver Sterbehilfe genauso viele, wenn die psychosozialen und emotionalen Bedürfnisse der Leiden wie des Personals mehr Beachtung fänden?« Antworten und konkrete Vorschläge kann er mit seiner Studie allerdings nicht liefern.

Alltägliche Arbeitsbelastungen

Mittlerweile sind auch mehrere aufschlußreiche Bücher erschienen, die Bedingungen beleuchten, die Patiententötungen tendenziell fördern. Alle Veröffentlichungen kommen zu dem Schluß: Das spezielle Motiv, das PflegerInnen zu TäterInnen werden läßt, gibt es nicht. Vielmehr sind komplexe gesellschaftliche Veränderungen mitverantwortlich dafür, dass Menschen in ihrer pflegerischen Aufgabe und der Sinnerfüllung mit dieser Aufgabe scheitern.

Tatorte sind in der Regel Krankenhäuser, seltener Altenheime. Zum Alltag vieler MitarbeiterInnen gehören unzureichende Personalausstattung, veraltetes Gerät, oft streng hierarchisch geprägte Organisations- und Leitungsstruktur, dürftiger Kommunikationsfluß, Spannungen im Team, Mangel an Strategien zur Streßbewältigung und in der Folge das Ausgebranntsein (Burnout-Syndrom). Das alles vor dem Hintergrund, dass die Zahl der alten, chronisch kranken und als »unheilbar« eingestuften PatientInnen in der stationären Versorgung zunimmt. Natürlich führen diese Rahmenbedingungen nicht zwangsläufig dazu, dass PflegerInnen PatientInnen töten, die Tat hat mit Sicherheit jeweils eine persönliche Vorgeschichte. Doch diejenigen, die zu TäterInnen wurden, waren diesen Belastungen offensichtlich nicht mehr gewachsen.

»Vermuteter Auftrag«

In seinem 1997 erschienenen Buch »Patiententötungen« stellte der Psychologe und Gerichtsgutachter Herbert Maisch fest, es greife sicherlich zu kurz, wenn diese allein mit kollektiven Bedingungs- und Verantwortungsfaktoren erklärt würden, weil das Individuelle von Tat und Täter ausgeklammert würde. Doch sei die Diskussion über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Stimmungen, die Patiententötungen möglicherweise begünstigten, sehr wichtig. Zum Thema vertrat der Gütersloher Psychiater Klaus Dörner 1991 die provokante These: »Bei der verzweifelten Sinnsuche für die Stationsarbeit wird der vermutete Auftrag, der vermutete Sinn der gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung exekutiert und vollzogen.«

Die inzwischen zum »Unwort des Jahres 1998« gekürte Aussage des Präsidenten der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar, dass Budgetierungen der Ärzteeinnahmen durch die Bundesregierung dazu führen würden, dass »wir insgesamt überlegen müssen, ob wir das sozialverträgliche Frühableben fördern müssen«, lenkt von eigenen Taten ab. Es war der BÄK-Vorstand, der im September ohne Not »Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung« beschlossen hat, bei denen es nicht mehr nur um einen »vermuteten Auftrag« oder einen »vermuteten Sinn« geht, sondern um konkrete Handlungsanweisungen für MedizinerInnen, unter welchen Bedingungen sie Menschen, die nicht im Sterben liegen (zum Beispiel WachkomapatientInnen und schwerstbehinderte Neugeborene), durch Abbruch der notwendigen Behandlung ums Leben bringen können. Absehbar ist, dass solche Papiere das »frühere Ableben« von PatientInnen fördern werden - was von Einnahmeausfällen für ÄrztInnen sicherlich nicht behauptet werden kann.

Die »GAU-Frage«

Obwohl PatientInnentötungen meistens nicht spontan, sondern oft Warnsignale erkennbar sind (siehe Randspalte), werden sie meist nur zufällig aufgedeckt. Schon vor diesem Hintergrund ist jene GAU-Frage nach wie vor aktuell, die Professor Dörner schon 1991 formulierte, nachdem ein Krankenpfleger auf einer internistischen Station der Psychiatrischen Klinik in Gütersloh zehn PatientInnen getötet hatte: »Stellen Sie sich vor, jemand erzählt Ihnen, dass in Ihrer Station, Abteilung, Klinik, Heim in einem Jahr ein Mitarbeiter Patienten töten wird, wenn alles so bleibt, wie es jetzt ist; was werden Sie tun?« Dörner empfahl, jeder Krankenhaus- und Heimmitarbeiter solle sich diese »GAU-Frage etwa jedes viertel Jahr einmal stellen«.

Man mag hinzufügen: Auch diejenigen, die Rahmenbedingungen beeinflussen, sollten dies tun, zum Beispiel GesundheitspolitikerInnen und Bundesärztekammer.

Amerikanische Studie von 1996.

Australische Studien von 1992/93 und 1994.

© Design 2004, R. Rotondo Supervision in Hamburg